(…) Waren Sie schon mal in Island? 
Samstag, Oktober 18, 2008, 19:53 - PRESSE
Dieses seltsame Land, das aussieht, als sei man auf dem Mond, und dessen Bewohner vom Mars zu stammen scheinen? Sind Sie verwirrt über die eine Ringstrasse gefahren, die das Land umgibt, und haben sich gedacht: Verdammt, was ist denn hier passiert, war da ein Unfall? Was machen die hier?, fragten Sie sich, wenn Sie, selten genug, auf ein Haus trafen. Und vielleicht stiegen Sie aus dem Auto und wunderten sich, dass die Bewohner des Hauses mindestens perfektes Englisch sprachen, alle deutschen Klassiker kannten, die englischen dazu, im Original gelesen, selbstverständlich, und Sie auf eine Runde Schach einluden, die sie gewannen, und erzählten, dass sie Wissenschaftler seien, aber auch Schriftsteller und Maler und Sänger. Und als Sie aufbrachen, wurde Ihnen geraten, auf die Elfen zu achten und auf die Trolle, die seien in diesem Jahr eine Plage. Und das waren sie dann auch.

Waren Sie schon mal in Island, haben einen Burger gegessen und 15 Euro dafür bezahlt und sich gedacht, verdammt, warum ist das nur so teuer? Und dann fanden Sie die Antwort: Damit nicht noch mehr von meiner Sorte kommen. Nicht noch mehr Touristen, die dem Land das nehmen würden, was es ausmacht – leer zu sein. Unbequem zu sein. Zu teuer zu sein und weit ab von allem, was wir jemals gesehen haben.

Vielleicht kann sie nicht funktionieren, diese Idee, die die besten Theorien des Kommunismus mit einigen Sahnestücken des Kapitalismus zu mischen sucht. Vielleicht ist nur ein Entweder-oder möglich, was in jedem Fall furchtbar heisst.

Island hat es versucht, genauso wie die Schweiz es versucht hat, das Experiment der schönen neuen Welt: Macht alle reich, gebt ihnen die perfekte Demokratie.

Das funktioniert eine Weile, aber das Geld für alle muss ja irgendwo herkommen. In beiden Fällen von ausserhalb der seligen Inseln. Und das rächt sich. Kapitalismus rächt sich immer, der gefrässige Hund, und Kommunismus haben wir bereits von der Liste gestrichen als nicht lebbar.

Island, als es noch glaubte, damit durchzukommen, weil keiner das kleine Land beobachtete, war wie das, was kommunistische Werbeplakate ihren Bürgern versprachen, als die vielleicht noch an Werbeplakate glaubten. Es herrschte Gleichheit. Ein Volk von 320'000, die gesund schienen, nicht zwischen Geschlechtern und Status unterschieden, in dem Homosexuelle heiraten und adoptieren konnten. Es gab weder erkennbare Armut noch süffisanten Reichtum. Reich waren irgendwie alle. Und wie es kommt, wenn ein Volk ein wenig zu schlechtes Wetter hat und zu sehr miteinander verwandt ist, hatten auch alle einen hochliebenswerten Knall, dem sie ungehindert nachgehen konnten. Hierzulande erfuhren wir von Island, dass es das Land mit der prozentual höchsten Schriftstellerdichte und mit der staatlichen Elfenbeauftragten war. Was dahinter lag, war eine Welt voller Erwachsener, die nie erwachsen werden mussten, was so ungefähr der angenehmste Zustand ist, in dem sich Menschen aufhalten können.

Die meisten Isländer hatten ein mittelschweres Alkoholproblem, ohne dass man Betrunkene sah, tranken doch alle, dass einem schwindlig wurde, und dann tanzten sie in den Bars von Reykjavík, der niedlichen Hauptstadt, die fast nur aus zwei langen Strassen zu bestehen scheint und die das Verwegenste geworden war, was je einer Stadt mit nur wenig über 100'000 Einwohnern vergönnt war: ein absoluter Treffpunkt der jungen, weltweiten Kulturelite.

Deren Mitglieder waren alle verzaubert von der verwirrenden Art der Isländer, ihrer seltsamen Schönheit, ihrem Humor und der Selbstverständlichkeit, mit der sie alles auslebten, was ihnen einfiel. Sie führten nonchalant die schlechtesten Restaurants der Welt, zeigten in Kinos ausschliesslich Lavafilme, schneiderten die absurdesten Trikotagen, hatten die schicksten Häuser, und Geld war irgendwie allen egal. Wozu braucht man Geld, wenn man ein Haus hat und Spass? Die jungen Isländer malten, musizierten, machten Mode und eroberten mit ihren seltsamen Dingen die Welt. Island war stolz auf seine Helden, und hatte einer eine Ausstellung in Amerika oder Europa, einen Ballettauftritt oder ein Konzert, kam ein Viertel der Inselbewohner nach, um sie zu feiern, gesponsert von Iceland Air und der Bank, die es nun nicht mehr gibt.

In keinem westlichen Land hatte sich die Bevölkerung so stark vermehrt wie in Island. Kinder zu haben ist kein Problem, die Türen werden aufgemacht, die Kinder rausgeschickt, zu den Verwandten, den Nachbarn, Kriminalität ist kaum erwähnenswert gewesen. 1,7 Morde pro Jahr, aber meist weniger, sagt die Polizei, und warum keine Kinder haben, wenn es so einfach ist, sie gross werden zu lassen, wie auf Island. Mit Mitte 30 sind die meisten Grosseltern.

Waren Sie schon mal in Island, als es den Traum davon noch gab?

Das Land der grossen Kinder, die sich die Winter mit dem Singen von Schubert-Liedern vertrieben und selbst dann zusammenhielten, wenn sie sich nicht leiden konnten. Die Isländer arbeiteten ein bisschen überall, sie konnten ein bisschen alles, sie hatten immer genug Geld, um nicht darüber nachdenken zu müssen, um wegfliegen und wieder nach Hause zurückkehren zu können. Ungemütlicher wurde es erst, als bei der ersten Krise im letzten Jahr die Russenmafia kam, mit harten Drogen, mit Prostitution, Schwarzhandel und Gewalt, die vorher auch nur unter besoffenen Isländern eine kleine Rolle spielte.

Waren Sie schon mal in Island? (…)


Ausschnitt aus „Insel der grossen Kinder“ – Nachruf auf ein schräges und verwunschenes Land, von [Sibylle Berg], im Feuilleton der [ZEIT] Nr. 43 vom 16. Oktober 2008.

Leider war kein Link zum ZEIT-Artikel zu finden - ganz im Gegensatz zu:

[Steinunn Sigurdardóttir] im Feuilleton der NZZ Nr. 243 vom 17. Oktober 2008:
[Mit ein wenig Hilfe unserer Freunde - Island und die Bankenkrise.]

Kommentare

Kommentar hinzufügen
nocomments